Tantra in die Sexualität integrieren

Das ist eine sehr wichtige Frage, die mir von einem meiner Teilnehmer nach einem Tantraseminar gestellt wurde. Meine Antwort ist, dass es ganz darauf ankommt, welche Art Sexualität du jeweils zuhause in deinem privaten Sexleben erlebst.

Wenn du eine Sexualität mit Partnerin oder Partner lebst, bei der eigentlich ein guter Flow da ist, dann würde ich nicht mit der Brechstange nun „zwanghaft“ tantrische Elemente integrieren – etwa wenn du plötzlich alles nur noch extrem langsam machen willst oder denkst, du müsstest jetzt immer Elemente aus dem Tantra in den Sex integrieren oder du stellst alles in Frage. Daran kann uns nicht gelegen sein. Denn Sexualität hat für sich eine bestimmte Weisheit. Wir spüren, wenn sie gut fließt, und dass es dann so auch genau richtig ist.  Auch wenn deine gelebte Sexualität eher „herkömmlich“ ist – soweit wir das überhaupt sagen sollten – sie aber allen Beteiligten guttut, dann würde ich nichts forciert verändern.

Die beim Tantra erlernten neuen Berührungs- und Bewusstseinsformen fließen ohnehin in deine Sexualität allmählich mit ein. Denn unser Körper ist klug und öffnet sich automatisch für alles, was seiner Entfaltung und emotionalem Ausdruck dient. Zum Beispiel wirst du die in Tantraseminaren erfahrene Langsamkeit in der Körperberührung und Achtsamkeit ohne viel darüber nachzudenken, in dein Sexleben integrieren. Denn neuen Techniken des Tantra werden Teil deines Körperwissens und Bewusstseins und bereichern und vertiefen das sexuelle Miteinander. Du hast zum Beispiel im Tantrakurs die Herz-zu-Herz Berührung kennengelernt – die Erfahrung des absichtslosen Haltens der Hand auf dem Herz-Chakra, um dem Herz mehr Raum für das Fühlen zu geben, – und bei der nächsten Begegnung in der Sexualität probierst du sie vielleicht beim Liebesspiel aus. Dadurch wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit eine tiefere Qualität beim Sex erleben.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass du dich ganz bewusst auch außerhalb eines Tantraseminars mit Gleichgesinnten zum tantrischen Austausch triffst. Du verabredest dich für eine (gegenseitige) Tantramassage. Diese kannst du auch mit deiner Partnerin oder mit deinem Partner vereinbaren. Sie sollte aber kein Ersatz für Sexualität sein, sondern ein besonderer Raum, ein heiliger Raum sogar, oder ein „Feinschmeckerlokal“, in dem ihr euch auf tantrische Art und Weise einander zeigt, euch erlebt und dem anderen bewusster als im normalen Sexleben begegnet.

Es kann natürlich auch sein, dass du im Moment wenig Sexleben zuhause hast. Dann ist ein Tantraseminar für dich Inspiration und sinnliche Motivation sexuelle Begegnungen einzuladen und auf sie zuzugehen. Und das vielleicht dann auf eine neue Art und Weise als bisher: bedachter, bewusster, mit mehr Liebe und Zärtlichkeit, mit Selbstachtung und Wahrung der eigenen Grenzen und der Kommunikation deiner wirklichen Bedürfnisse.

Welches Sexleben du auch immer hast, Tantra wird dieses bereichern, aber nicht ersetzen. Tantra ist eine Übungspraxis und ein Lernraum, in dem unsere Sexualität als Teil unseres Menschseins willkommen ist. Wir nutzen, verehren und genießen diese sexuelle Energie, um mehr Bewusstheit, Erleuchtung und Fülle in unser Leben einzuladen.