Vier hartnäckige Vorurteile über Tantra

Das größte Vorurteil ist sicherlich, dass Tantra nur ein Deckmantel für frivole Sexorgien sei. In der Öffentlichkeit ist dies ein hartnäckiger Mythos: „Tantra ist Sex mit Räucherstäbchen“. Unter dem Vorwand von Meditation und Spiritualität sei das wahre Anliegen beim Tantra ganz einfach und profan, möglichst viele Sexpartner/innen kennenzulernen und zu verführen. Wir wissen, dass dem nicht so ist. Tantra ist ganzheitlich und bezieht tatsächlich alle Aspekte des Menschseins mit ein.

Das zweite Vorurteil ist, dass Tantra okkult oder magisch sei. Nein, dies stimmt ganz und gar nicht. Das, was wir praktizieren hat immer einen klaren und für alle leicht einzusehenden Sinn und Effekt auf unser Spüren im hier und jetzt. Es sollte nach Möglichkeit und Kapazität der einzelnen Teilnehmenden zu einer höheren Transparenz einem selbst und anderen gegenüber kommen. Dies erreichen wir durch Kommunikation und Selbstwahrnehmung. Die dabei angewendeten Übungen werden an ihrer Wirksamkeit für mehr Lust, Selbstliebe, Heilung von alten Mustern und Erreichen des Friedens zwischen den Menschen bewertet.

Dies führt uns drittens zum Vorurteil, dass wir nur an einer alten Lehre aus Indien und eventuell sogar an einem Personenkult festhalten würden. Dem ist nicht so. Tantra ist heutzutage Neotantra. Die alten Wurzeln, die sich als Subkultur im Buddhismus etabliert hatten, sind weiterentwickelt worden und werden auch heute immer weiter verändert und an die Bedürfnisse der Gegenwart angepasst. Neue Inhalte auch aus anderen Kulturen der Welt werden in schon bestehende tantrische Lehrinhalte integriert. Damit erweitert sich die Übungspraxis beim Tantra. Was integriert wird und was nicht, bemisst sich daran, ob die jeweilige Übung eine zufriedenstellende Wirkung hat, die uns guttut, nicht danach, ob sie von einem Guru stammt oder immer so gemacht wurde und nur deshalb Autorität besitzt. Ohnehin ist Vorsicht geboten, wenn sich standardisierte Übungen etabliert haben, die nicht hinterfragt und/oder einer Neuauflage unterzogen werden dürfen. Das spricht für starre, streng hierarchische Strukturen innerhalb eines Teams oder einer Gruppe und nicht für eine frische, dem Wohl des Einzelnen dienenden Geisteshaltung.

Das vierte Vorurteil ist die Annahme, dass du in Tantra-Seminaren schnell die Partnerin oder den Partner fürs Leben finden wirst. Das kann passieren ohne Frage, muss aber auch relativiert werden. Denn wir machen Körperübungen, die dich schneller und intensiver als üblich mit anderen Menschen in Kontakt bringen. Erfahrungsgemäß kommt es hierbei auch zu Anhaftung, d.h. du fixierst dich auf jemanden, weil du etwas in die Begegnung hineinprojizierst. Tantra ist ein Lern-Raum, und genau wie an anderen Orten kannst du auch hier jemanden Besonderen für dich treffen, doch kann es hierbei genau wie anderswo auch zu Enttäuschungen kommen, wenn du dich in illusorischen Empfindungen der anderen Person gegenüber verstricken lässt, d.h. wenn du zum Beispiel etwas in der Person siehst, das sie nicht ist. Doch gibt es beim Tantra den Vorteil, dass wir über das Menschlich, Allzumenschliche reden können und stärker unsere unbewussten Wünsche und Projektionen entlarven lernen.