Tantra und die Fülle des Seins
Erleuchtung ist erstmal ein großes Wort, welches abstrakt und ungreifbar wirken mag. Du fragst dich vielleicht, können nicht eher nur Gurus und Heilige Erleuchtung erreichen, ganz besondere Menschen wie Jesus, Maria Magdalena, Mutter Theresa u.a.? Du denkst, es braucht doch jahrlange Meditation, Rückzug, zahlreiche Retreats oder Aufenthalte in Klöstern. Erleuchtung klingt abgehoben. Doch ja, sie ist für jeden Menschen möglich.
Wir alle kennen Momente, in denen wir bereits ein kleines Stück Erleuchtung erfahren haben. Denn Erleuchtung gehört zum Menschsein fest dazu. Wie kannst du dir das vorstellen? Du kennst sicherlich, dass du schon mal Zeiten in deinem Leben hattest, in denen die Zeit still zu stehen schien und du die Welt viel intensiver als für gewöhnlich wahrgenommen hast. Manche sprechen von einem veränderten Bewusstsein von Zeit und Raum, von Momenten, die tief bewegen und berühren. Als würdest du dich selbst mit innerem Abstand von außen betrachten als Teil eines höheren Ganzen und einen Funken des Göttlichen in diesem Moment der Betrachtung spüren. In solchen Augenblicken oder längeren Zeitabschnitten liegt so etwas wie der Kern oder Same von Erleuchtung.
Im Tantra können wir diesen Kern wachsen lassen und ausdehnen, oder ihn erst säen. Das liegt daran, wie bewusst die Menschen bereits sind, welche zum Tantra kommen, ob sie schon Erfahrungen mit verändertem Raum- und Zeitempfinden gemacht haben.
Durch verschiedene Tantra-Übungen schulen wir diesen Kern oder Samen. Zum Beispiel durch Begegnung mit anderen Menschen, die uns neue Perspektiven auf Körper, Leben und Bewusstheit geben können. Die Meditation, um in die Stille zu kommen, ist für die Schulung von Erleuchtung ein Kernstück der Praxis, denn wir lernen ganz im Moment in der Gegenwart zu sein und uns im Hier und Jetzt zu spüren. Weitere Bestandteile sind die Reflektion und das Gespräch, dass wir uns auch kognitiv bewusst machen, wo wir stehen und was wir wirklich fühlen.
Einen Moment der Erleuchtung erreichen wir auch durch sexuell-ekstatische Zustände – entweder im privaten Sexleben oder in einem sexpositiven Raum, wie Clubs, oder eben in einem Tantraseminar oder -workshop. Im Tantra sprechen wir von „Erleuchtung durch Ekstase“ – ein Buchtitel von Miranda Shaw, die in indischen Klöstern Feldstudien zu Tantra, Sex und Erleuchtung gesammelt hat. Die Ekstase oder das Aus-der Welt-sein in der Sexualität bringt uns ein Fünkchen der Erleuchtung – zumindest für einen Augenblick – und gibt uns ein kleines Versprechen, dass auch in unserem Alltag mehr dieses Lichtes Einzug halten kann.
Unseren Alltag allmählich als erleuchtet wahrzunehmen, können wir erlernen. Indem wir Übungen aus dem Tantra und Praktiken und Erfahrungen aus unserer gelebten Sexualität mit in unseren Alltag nehmen, uns nach und vor den Tantraseminaren auch zuhause schulen und üben. Ausgesprochen hilfreich ist es, unserer inneren Stimme zu lauschen. Dieses Lauschen lernen wir durch das Üben der Stille als Qualität der Wahrnehmung unseres Selbst sowie unserer Umgebung und unserer Mitmenschen. Haben wir dies gut trainiert, dann können wir uns irgendwann der Führung unserer inneren Stimme übergeben. Dann fühlt sich der eigene Lebensweg für uns leicht und einfach an, als sei er immer schon so für uns da gewesen, gehört zu dir.
Wir erreichen dann mehr und mehr eine Qualität des Seins, in der wir das Gefühl haben, dass uns alle Dinge und Menschen sowie alle Situationen tragen. Dass uns alles, in das wir im Laufe des Tages, der Woche und des ganzen Lebens hineinkommen, trägt, dass wir in Verbindung stehen, verbunden sind und unterstützt werden. Dann sprechen wir von der „Fülle des Seins“. Das Bewusstsein über diese Fülle, würde ich als Erleuchtung bezeichnen. Und das heißt auch, dass diese Erleuchtung nicht 24h am Tage immer in derselben Qualität in unserem Bewusstsein ist. Manchmal ist sie gar nicht da, dann kommt sie wieder für einen Augenblick oder für ein paar Stunden, um dann auch wieder zu gehen. Wir sind nicht die ganze Zeit unseres Tages erleuchtet, das ist angesichts der Notwendigkeit für ein Dach über dem Kopf zu sorgen, oft nicht konstant möglich. Durch Tantra kann es uns allmählich mehr gelingen, die Phasen und Zeiten der Fülle und Erleuchtung auszudehnen und mehr als bisher in unser Leben zu integrieren.
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