Was verbindet beide Ansätze?

Tantra und Kink sind das nicht Gegensätze? Tantra wirkt „natürlich“, ökologisch-alternativ, spirituell. Während Kink an Lack und Leder denken lässt, an Härte und Schmerz. Obwohl eher die Gegensätze ins Auge springen, liegt es Kink und Tantra gleichermaßen daran, keine Sexualitäten und „abweichende“ Ausprägungen von Sexualität auszuschließen oder zu verurteilen. Vielmehr wird die gesamte Bandbreite, was Menschen körperlich, seelisch und geistig in ihrer Lust und in ihrem Begehren erleben und mögen, akzeptiert und anerkannt.

Tantra kommt aus dem Sanskrit und heißt ursprünglich das „Gewebe“, womit allumfänglich das Gewebe aller Beziehungen, Lebewesen und Dingen gemeint ist. Beim heutigen (Neo)Tantra geht es um Achtsamkeit, Kommunikation und darum die eigenen Grenzen und Wünsche vor allem in der Sexualität kennenzulernen und zu äußern.

Das englische Wort „Kink“ kann im Deutschen mit Knick, Falte, Delle, Knoten oder Knickstelle übersetzt werden (Quelle: Leo Dictionary). Wird der Begriff „Kink“ auf Sexualität bezogen, meint er, das vermeintlich „Gebogene“, „Verknotete“ oder „Abweichende“ in der Sexualität, nicht das vermeintlich „Geradlinige“ von „normalem“ Sex oder auch vanilla sex, Blümchen- oder Kuschelsex (Quelle: engl. Wikipedia). „Kink“ schließt damit an die Metapher des Gewebes oder Netzwerks des Tantra organisch an. Ein Kink-Knoten ist eine besondere Sexualität innerhalb des tantrischen Gewebes. Doch da wir alle als Menschen besonders sind und Besonderheiten in der Sexualität haben und mögen, die einen mehr und die anderen weniger, heißt, dass das das Gewebe, in dem wir leben, immer schon knotenartig ist. Alles nur glatt, ist eher eine Projektion oder Idealvorstellung.

Historisch betrachtet verschiebt sich das, was ein „Kink“ ist, ständig. Ein Beispiel ist Oral-Sex. Würden wir Oral-Sex heute eher als zum allgemeinen Liebesspiel dazugehörig zählen, war er im 19. Jahrhundert oder in früheren Zeiten verpönt und wurde als „nicht normal“ oder „abweichend“ deklariert.
„Wo genau Vanilla aufhört und Kink beginnt, ist von Person zu Person und Kultur zu Subkultur sehr unterschiedlich. Denn obwohl die populäre Definition von kinky Sex suggeriert, dass es sich um bizarre und ungewöhnliche Handlungen handelt, kann der Ausdruck eine ganze Bandbreite von spielerischen Praktiken und Fantasien beschreiben.“ (Quelle: Deviance App)

In der Moderne war das, was wir heute als Kink bezeichnen, noch pervers und krankhaft. Berühmt ist das Buch von Richard von Krafft-Ebing Psychopathia sexualis aus dem Jahre 1886. In diesem listet der Autor sexuelle Paraphilien auf – sexuelle Neigungen, die stark von dem Gewöhnlichen abweichen. Ironischerweise machte der Autor durch diese Sammlung von Perversionen diese erst bekannt und letztlich in der weiteren Entwicklung salonfähig.

Heute nämlich sind die meisten der dort erwähnten Paraphilien, etwa der Fußfetischismus, der Lustschmerz etc., als sexuelle Form oder auch „Neosexualität“ wie Volkmar Sigusch sagen würde, akzeptiert und nicht mehr per se als Abweichung angesehen. Es hat sich auf dem Gebiet eine Menge getan und vieles verändert.

Schauen wir noch näher aufs Detail. Zu Kink zählt u.a. die Lust am Schmerz sowohl auf der gebenden als auch auf der empfangenden Seite. Die Lust daran, jemandem ausgeliefert zu sein und von jemandem beschämt zu werden, die Lust daran, jemanden zu erniedrigen oder bloßzustellen. Was diese Vorlieben anbelangt, so zählen sie in den Bereich des BDSM. Es geht auch um bestimmte Körperteile, die fetischisiert, das heißt erotisiert und göttlich überhöht werden. Dies trifft auch auf bestimmte Kleidungsstücke oder Stoffe und Materialien zu.
Darüber hinaus ist es ein Kink, wenn ich eine besondere Fixierung auf ganz bestimmte sexuelle Praktiken habe, die sehr ungewöhnlich oder nur in bestimmten Szenen verbreitet sind, ein Beispiel ist das Vaginal- und Anal-Fisting.     

Diese Liste ließe sich noch unendlich fortsetzen, denn der Fantasie ist in der Sexualität keine Grenze gesetzt.

Häufig fordern Clubbetreibende heute ein „kinky“ Outfit. Und damit sind Lack und Leder und Halsbänder und Stiefel gemeint, alles eben, was einen sexuellen Kink ausmachen kann. Anhand dieser Dresscodes mancher Veranstalter/innen lässt sich ablesen, dass Kink zumindest in Berlin und anderen Großstädten mehr oder weniger im Mainstream angekommen ist. Viele Menschen verspüren diesbezüglich einen gewissen Druck, in ihrer Sexualität eine gewisse kinky Seite zu entwickeln oder zu zeigen. Selbstoptimierungszwang setzt ein, welcher im gegenwärtigen, hegemonialen Machtdispositiv Individuen „zurichtet“ und formt. Das kann zu Ängsten und Ablehnung führen.

Sich hiervor zu schützen und gleichzeitig der Freiheit und Kreativität von Kink auch Raum zu schenken, ist heute mehr denn je in Berlin und anderswo an der Tagesordnung. Wie weit mag ich im Bereich Kink gehen? Ist es überhaupt etwas für mich? Oder stehe ich doch nicht vielmehr auf Vanilla? Das sind Fragen, die viele beschäftigen, und hierbei hilft Tantra wieder ungemein: Finde heraus, was wirklich deins ist und wie du deine Wünsche und Bedürfnisse in der Sexualität kommunizierst und umsetzt.