Sexualität und Spiritualität

Wissen

Geistige Liebe und sexuelle Askese

Wenn wir heute davon sprechen, dass wir in einer aufgeklärten, sexuell freizügigen Zeit leben, dann ist das gut so, doch war das nicht immer so. Die christliche Kirche etwa hat immer wieder in der Geschichte dafür gesorgt, dass die Freiheit des Geistes und die Freiheit des Körpers eingeschränkt und unterdrückt wurde. Dennoch hat sich trotz vieler Repressionen die Liebe zum göttlichen Eins-werden durch Sex und sexuelle Praktiken behauptet. Wir können mal mehr mal weniger erfüllte Sexualität leben, und dies deshalb, weil, schaut man in die Geschichte, immer wieder Impulse gesetzt wurden, die Verbindung zum Höchsten in uns mit erotischen Techniken angestrebt und vorangebracht wurde. Dass wir heute das Höchste und den Sex im Orgasmus als Einheit erleben, fußt auf der Befreiung von christlicher Moral, doch gleichzeitig auch auf der Kultivierung der erotischen Praxis durch, so paradox es klingen mag, gerade eben dieser christlichen Moral und Repression. Denn bevor Orgasmus möglich ist, müssen Frauen und Männer sich erst einmal vom „schlechten“ Sex befreien, und geistig werden, und das heißt, in sich die Forderung aufstellen, tiefer zu empfinden, höher hinaus zu wollen, nämlich zu einer wirklich innigen Beziehung zu sich selbst und damit zum höchsten Spirit. Somit ist erotischer Genuss und Orgasmus erst durch eine bestimmte Askese, also spirituelle Übung, möglich.

Geistige Ekstase in Klöstern ganz ohne Koitus

Orgasmen wurden in Klöstern ganz ohne Koitus und Geschlechtsverkehr praktiziert. Die religiösen Frauen und Männer vereinten sich mit Gott ohne Sex, nur durch bestimmte medial vermittelte Praktiken, wie das Lesen, das Singen, das Anschauen von Bildern, dem Zelebrieren der Vereinigung mit Jesus Christus (unio mystica) im multisensorischen Kirchenraum, das einem Rausch gleichkam.
Der italienische Bildhauer Bernini hat uns eine anschauliche Skulptur dazu hinterlassen: Die Ekstase der hl. Theresa von Avila Sie lebte als Nonne und Ordensgründerin und übte sich regelmäßig in der heiligen Hochzeit mit Gott nur durch ihre übersteigerte Vorstellungskraft und ihrem Einfühlungsvermögen.

Ursprünge der christlichen Sexfeindlichkeit

Damit sich das Christentum überhaupt durchsetzen konnte – und dadurch das Diktum der Gleichberechtigung aller Menschen vor Gott -, haben die frühchristlichen Frauen ihre Ehemänner und damit den primär auf Fortpflanzung fokussierten Sex zum Teufel gejagt. Wie sich heute in den apokryphen Evangelien nachlesen lässt, ging es ihnen vor allem darum, ein anderes Liebesverständnis auszuprobieren. Sie wollten nämlich eine Herz-zu-Herz Beziehung zu einem Mann aufbauen, um Freundschaft zwischen den Geschlechtern zu leben. Sie lehnten es ab, einfach nur die Ehefrau und Mutter der Kinder für einen Mann zu sein. Die Frühchristinnen bekannten sich zur Lehre von Jesus Christus, weil diese zwischen den Geschlechtern einen Umgang ermöglichte, der auf dem geistigen Gespräch sowie auf der nichtsexuellen Nähe zueinander aufbaute. Dies war damals einmalig, und es hatte zur Folge, dass im Christentum Ehelosigkeit und Kinderlosigkeit nicht mehr geächtet bzw. gesellschaftlich sanktioniert wurde, wie zum Beispiel anders im römischen Reich, in dem sogar eine Heiratspflicht bestand (A. Angenendt). Diese Ablehnung des Körperlichen hatte aber auch die Konsequenz, dass die Möglichkeit, im Sexuellen auch das Spirituelle und den Zugang zum Göttlichen zu sehen, nicht anerkannt wurde – anders als dies etwa im indischen Hinduismus und Buddhismus gelebt wurde (doch da gab es wiederum nicht die Forderung nach Gleichberechtigung aller Menschen). Sex wurde somit als das Profane, nicht Erleuchtete und sogar Teuflische gebrandmarkt.

Frauenmystik des Mittelalters

Das „Genießen Gottes“ war eine religiöse Übung von Mystikerinnen und Mystikern des Mittelalters. Sie suchten z.B. Gott durch die Lektüre heiliger Texte in einem imaginären Brautgemach auf oder ließen seine Musik durch ihre Körper fließen. Inwiefern es bei solchen erotisch konnotierten Vereinigungen mit Gott zu Unterschieden zwischen einem weiblichen und einem männlichen codierten „Genießen Gottes“ gekommen ist, steht im Zentrum des Vergleichs zwischen Bernhard von Clairvaux (1090-1153) und Hildegard von Bingen (1098-1179). Ausschlaggebend war für beide, wie sie sich auf die Medialität ihrer eigenen Funktion als Vermittelnde und auf die von Text, Bild und Musik bezogen haben.

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